
Arzt und sozialdemokratischer Politiker, war ab 1910 Universitätsprofessor an der Universität Wien, in den Kriegsjahren 1914 bis 1917 Dekan der Medizinischen Fakultät und 1919/20 Unterstaatssekretär für Volksgesundheit sowie von 1919 bis 1934 Mitglied der Wiener Landesregierung. Schuf viele für die damalige Zeit richtungsweisende soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Schulzahnkliniken, Mütterberatungsstellen etc., förderte besonders den Arbeitersport. Tandler wurde 1936 als Berater für Spitalsreformen nach Moskau berufen. Tandler war zu seiner Zeit einer der führenden Anatomen der Universität Wien. Er widmete sich u.a. einer wissenschaftlichen Untersuchung des Schädels Joseph Haydns. 1923 initiierte er die Schaffung des heutigen Julius-Tandler-Familienzentrums als Kinderübernahmestelle der Gemeinde Wien.
Werke u.a.: Anatomie des Herzens (1913), Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere (1913), Lehrbuch der systematischen Anatomie (4 Bde., 1918-24).
Wien, Feuerhalle Simmering, Urnenhain

![]()
Deutscher Humanist; der Neffe Philipp Melanchthons stand nach dem Studium in Freiburg im Breisgau, Paris und Basel (1470-77) sowie in Poitiers und Orléans als Jurist in württembergischen Diensten, war dort u.a. Beisitzer am Hofgericht (ab 1484); von 1496 bis 1499 lebte er am Hof Kurfürst Philipps von der Pfalz in Heidelberg, nachdem er aus politischen Gründen aus Stuttgart geflohen war. Sein Interesse für humanistische Ideale und alte Sprachen wurde durch seine Lehrer und drei Italienreisen geweckt. Er wurde Anhänger des Neuplatonismus und der Kabbala durch seine Kontakte zu Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola. Kenntnisse des Hebräischen erlangte er durch Unterricht durch gelehrte Juden. In Heidelberg entstanden zwei Komödien: Die politische Satire Sergius sive Capitis Caput (1496) und die Bauernkomdie Scenica progymnasmata (Henno genannt; 1497), die u.a. von Hans Sachs 1531 als Fastnachtsspiel bearbeitet wurde. Er erlangte durch seine Kenntnisse der griechischen, lateinischen und hebräischen Texte sowie seine Schriften zu bedeutendem Einfluß. Seine Schrift De rudimentis Hebraicis (1506) war das erste christliche Lehrbuch der hebräischen Sprache. Die Philosophie bildete für Reuchlin das notwendige Vorwissen, um über das Studium der griechischen Philosophen, des Alten Testaments, der jüdischen Mystik und Kabbala zur geheimen Philosophie (philosophia arcana) zu gelangen. Diese christliche Theosophie entfaltete er in seinen philosophisch-theologischen Hauptwerken De verbo mirifico (1494) und De arte cabalistica (1517). Reuchlins öffentliche Stellungnahme für das jüdische Schrifttum in einem gegen den Antrag des Pamphletisten Johannes Pfefferkorns (*1469, †1524) auf Vernichtung aller jüdischen Schriften gerichteten Gutachten (1510) verwickelte ihn in einen jahrelangen Streit, der sich zur Reuchlin-Affäre mit den Kölner Dominikanern, besonders mit Jakob van Hoogstraten (*~1460, †1527) auf der einen und der Parteinahme zahlreicher Humanisten (Epistolae obscurorum virorum, dt. Dunkelmännerbriefe) auf der anderen Seite ausweitete und 1520 mit der kirchlichen Verurteilung von Reuchlins Schrift Augenspiegel (1511), der Erwiderung auf Pfefferkorns Handt Spiegel (1511), endete. Danach wirkte Reuchlin in Ingolstadt (1520) und Tübingen (ab 1521) als Professor für Griechisch und Hebräisch. Mit dem zu dieser Zeit erfolgten Eintritt in den Priesterstand signalisierte er seine Treue zur katholischen Kirche.

Stuttgart, St. Leonhardskirche


Österreichischer Physiker und Mathematiker; einer Familie von Steinmetzen entstammend; nach dem Studium am Polytechnischen Institut in Wien ging Doppler 1835 nach Prag und lehrte dort an der Technischen Lehranstalt Physik und war außerdem als Mathematiklehrer tätig. 1847 folgte Doppler dem Ruf an die Technische Fakultät in Chemnitz und übernahm den Lehrstuhl für Physik. 1850 wechselte er zunächst an das Polytechnische Institut in Wien und wurde hier Professor für praktische Geometrie. Nur wenig später ernannte man ihn zum Direktor des neugegründeten Physikalischen Instituts der Wiener Universität. Doppler veröffentlichte Arbeiten u.a. zur analytischen Geometrie, zur Akustik, Optik, Elektrizitätslehre und Astronomie (u.a. über die Farben von Doppelsternen sowie über die Bestimmung von Sterndurchmessern und -entfernungen). Berühmt wurde er, als er 1842 den nach ihm benannten und 1845 von C.H. Buys-Ballot an Eisenbahnzügen akustisch nachgewiesenen Doppler-Effekt formulierte und die Formel für die Abhängigkeit der Schallfrequenz von der Geschwindigkeit einer Schallquelle relativ zum Beobachter aufstellte. 1846 erweiterte er dieses Prinzip und wies auf dessen Gültigkeit sowohl in der Akustik als auch in der Optik hin, auf die gleichzeitige Bewegung von Schallquelle und Beobachter.

Joseph von Fraunhofer (seit 1824)

Deutscher Glastechniker und Physiker; Sohn eines Glasermeisters; als Lehrling trat er in das Optische Institut Joseph von Utzschneiders in Benediktbeuren ein, entwickelte dort neue Maschinen und Methoden der Glasschleiferei und wurde bereits im Alter von 22 Jahren Leiter der Glasherstellung. 1814 entdeckte er unabhängig von William Hyde Wollaston im Sonnenspektrum die nach ihm benannten, und ab 1815 von ihm katalogisierten Fraunhofer‘ schen Linien, dunkle Absorptionslinien, nach deren Abstand voneinander man die in der Sonnenatmosphären enthaltenen chemischen Elemente bestimmen kann. Er verhalf der Wellentheorie des Lichts zur endgültigen, wissenschaftlicher Anerkennung. 1814 entwickelte er das Sonnenspektroskop. 1819 wurde er Professor in München und 1823 Konservator des Physikalischen Kabinetts der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; seine im Utzschneiderschen Institut
erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten nutze er zur Entwicklung einer Reihe optischer Geräte (Mikroskope, Refraktoren u.a.) von hoher Qualität, indem er neuartige Schleifmethoden zur Qualitätssteigerung anwandte. Das Fraunhofer’sche Institut ist nach ihm benannt worden.
Fraunhofer stellt Utzschneider (lks.) sein Spektroskop vor.

München, Alter Südl. Friedhof

![]()
Schweizerischer Biochemiker; Sohn eines Zahnarztes; nachdem die Familie 1892 in die Schweiz zurückgekehrt war, studierte er Chemie an der Universität Zürich bei dem späteren mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Chemiker Alfred Werner (*1866, †1919). Von 1912 bis 1918 war er im Laboratorium Paul Ehrlichs in Frankfurt am Main als dessen Mitarbeiter tätig; dort arbeitete er u.a. über die Synthese organischer Arsenverbindungen. 1918 kehrte er als außerordentlicher Professor der organischen Chemie an die Universität Zürich zurück und war dort bis 1959 tätig. Karrer arbeitete über Vitaminen, Polysaccharide und Pflanzenfarbstoffe, isolierte die Vitamine A und K, synthetisierte die Vitamine B2 und E.
Auszeichnungen u.a.: Nobelpreis für Chemie mit W.N. Haworth (1937).


Zürich, Friedhof Fluntern
Venedig, Insel San Michele
Deutscher Naturwissenschaftler, Sozialphilosoph und Pädagoge; Sohn des Philosophen Ernst Bloch und der Architektin Karola née Piotrkowska; die er 1934 geheiratet hatte. Nachdem Ernst Bloch ausgebürgert worden war, verließ das Paar 1937 Deutschland. Bevor die Eltern 1939 vor der in die Tschechoslowakei einmarschierenden Wehrmacht in die Vereinigten Staaten gingen, wurde der Sohn in Prag geboren. Als Ernst Bloch 1948 ein Angebot unterbreitet wurde, den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Leipzig zu übernehmen, siedelte die Familie im Folgejahr dorthin über. Erst anläßlich des Mauerbaus in Berlin wechselte die Familie 1961 in die Bundesrepublik Deutschland. Jan Bloch studierte Chemie und arbeitete am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel und lehrte in Potsdam. Er war Mitglied der Ernst-Bloch-Gesellschaft und gehörte zum Stiftungsrat der Ernst-Bloch-Stiftung sowie zum wissenschaftlichen Beirat des Ernst-Bloch-Zentrums in Ludwigshafen. Bloch gehörte zu den schärfsten Kritikern des Systems, in dem er aufwuchs, verurteilte das diktatorische Regime der DDR.


Berlin, Französischer Friedhof I (Chausseestr.)
Auguste Ferdinand François Mariette

![]()
Französischer Ägyptologe; von Haus aus Lehrer in seiner Vaterstadt, erhielt er 1849 eine Anstellung am Ägyptischen Museum in Paris. Im Oktober des Folgejahres reiste er im Auftrag des Louvre nach Ägypten, um koptische, syrische und äthiopische Manuskripte zu erwerben. Als er anläßlich seiner Reise durch das Land bei Sakkara auf den aus dem Sand ragenden Kopf eines Sphinx stieß, glaubte er das Serapeum, die unterirdische Begräbnisstätte der Apis-Stiere gefunden zu haben, legte den Sphinx bis auf die Basis frei und begann ohne Zustimmung der Behörden mit Grabungen. In deren Verlaufe entdeckte er 1851 den Eingang zu dem am Fuße der großen Sphinx liegenden Heiligtum, in dessen Zentrum zehn oder zwölf Kolossalstatuen des Gottkönigs standen, sowie 24 Säulen aus Rosengranit, die jeweils aus einem einzigen 80 Tonnen schweren Granitblock gehauen waren, welche eine Kolonnade und einen Wandelgang um einen Zentralhof bildeten. Als Mariette, der in den folgenden Jahren illegal rund 7.000 Objekte außer Landes nach Frankreich verbrachte, 1854 in seine Heimat zurückkehrte, wurde er zum Zweiten Kurator der ägyptischen Abteilung des Louvre ernannt. 1855 besuchte Mariette auf Einladung Alexander von Humboldts Berlin und traf sich dort u.a. mit dem Ägyptologen Heinrich Brugsch, der sich seit 1853 in Ägypten aufgehalten und den er dort bei Ausgrabungen kennengelernt hatte. 1857 reiste Mariette erneut nach Ägypten und setzte dort seine Ausgrabungen fort, wobei er ohne Rücksicht auf mögliche Folgen für die Funde auch mit Sprengungen arbeitete. Erst ab 1858, nachdem er vom Vizekönig Said Pascha zum Direktor des Altertümerdienstes ernannt, mit der Oberleitung der von der Regierung initiierten Ausgrabungen betraut, 1862 zum Bey Erster Klasse ernannt worden war und 1879 den Titel Pascha erhalten hatte, setzte er sich für die Einhaltung der von der ägyptischen Regierung erlassenen Verordnungen zum Schutz der Altertümer in Ägypten ein. So verhinderte er auch, daß die Kaiserin Eugenie, die bestimmte Teile aus der auf der Pariser Weltausstellung von 1867 ausgestellten Schmuckstücke aus Grabungen in Ägypten für sich erwerben wollte, diese als “Schenkung” erhielt. Zu seinen größten Erfolgen zählt die Freilegung der Tempel von Abydos und Edfu. Schließlich öffnete er noch drei aus der 6. Dynastie stammende Pyramiden bei Sakkara, die wichtige Inschriften enthielten. 1859 gründete Mariette das spätere Ägyptische Museum in Kairo, das der Aufnahme und wissenschaftlichen Auswertung der Funde diente.
Das Libretto zu Giuseppe Verdis Oper Aida, die am 24. Dezember 1871 in Kairo zur Uraufführung gelangte, basiert auf einer Erzählung Mariettes.
![]() |
Auguste Mariette (sitzend, ganz links) und Dom Pedro II., Kaiser von Brasilien (sitzend, rechts) anläßlich dessen Besuchs in Ägypten Ende des Jahres 1871.


Kairo, Im Garten des Ägyptischen Museums
Hinweis: Die im Hintergrund sichtbare Statue stellt Mariette dar.
Deutscher Mathematiker; Sohn eines Postbeamten; beabsichtigte zunächst, Astronomie zu studieren, Ferdinand Georg Frobenius überzeugte ihn jedoch, sich der Mathematik zu widmen. Bei diesem, bei Max Planck u.a. studierte er dann ab 1915 in Berlin Mathematik. 1917 wurde das Studium unterbrochen, da Siegel zum Kriegsdienst herangezogen werden sollte; als er sich weigerte, der Einberufung nachzukommen, wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Nach dem Ende des Krieges setzte Siegel 1919 seine Studien in Göttingen fort und habilitierte dort. .1922 folgte er Arthur Moritz Schoenflies auf dessen Stuhl an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main. Ab 1933 wurden seine jüdischen Kollegen mehr und mehr drangsaliert, und als Siegel 1935 aus den Vereinigten Staaten, wo er für ein Jahr am Institute for Advanced Study in Princeton gearbeitet hatte, nach Deutschland zurückkam, mußte er feststellen, daß sich die Situation für die jüdischen Kollegen nach Erlaß der Nürnberger Rassegesetze dramatisch verschlechtert hatte; nun wurden alle aus ihren Ämtern verdrängt (zunächst hatten die Nazis diejenigen, die im Ersten Weltkrieg gedient hatten, noch geduldet). 1938 folgte Siegel einem Ruf an die Universität in Göttingen. Anfang 1940 verließ er schließlich das Land, hielt zunächst Vorlesungen in Dänemark, später dann in Norwegen. Ab 1940 war er dann am Institute for Advanced Study in Princeton tätig, bis er 1951 nach Göttingen zurückkehrte, wo er 1959 emeritiert wurde.
Bedeutend war Siegel, der ein großer Bewunderer der Mathematiker Karl Friedrich Gauß, Joseph Louis de Lagrange und Godfrey Harold Hardy (*1877, †1947) war, deren “Einfachheit und Ehrenhaftigkeit” er lobte, v.a. für seine Beiträge zu diversen Bereichen der analytischen und algebraischen Zahlentheorien, besonders im Bereich der arithmetischen Geometrie. André Weil bezeichnete Siegel als den bedeutendsten Mathematiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Göttingen, Stadtfriedhof



Omnibus salutem!