Iwan Sergejewitsch Turgenjew [russ. Иван Сергеевич Тургенев]

1857            1874 (r.) pinxit Ilja Repin

Russischer Schriftsteller; Sproß einer alten und begüterten Adelsfamilie, Eigentümer von mehrere tausend Leibeigene; schon als Kind empörte er sich über die willkürlichen (Straf-) Maßnahmen seiner herrischen, von Herrenmenschentum durchdrungenen Mutter, und er schwor, sich für eine menschlichere, von Humanismus geprägte Gesellschaft und die Abschaffung der Leibeigenschaft einzusetzen. 1827 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Moskau. Er erhielt zunächst häuslichen Unterricht und auf Internaten, bis er ab 1834 an der Universitäten von Moskau und Sankt Petersburg, sowie von 1838 bis 1841 in Berlin studierte. Dort schloß er enge Freundschaft mit Bakunin, der dort Philosophie studierte, besuchte die Vorlesungen Werders, des Nachfolgers G.F. Hegels, und so Hegel Philosophie kennenlernte, sowie Literaturgeschichte und u.a. bei Leopold von Ranke. und Recht bei dem liberalen Rechtshistoriker Eduard Gans hörte. In Berlin, wo er sich “kopfüber in das deutsche Meer” stürzte, kam er auch in Kontakt mit Nikolaj Stankewitsch, der später einen bedeutenden Einfluß auf die Moskauer Intelligetzija ausübte. Turgenjew bereiste aber auch Deutschland, reiste an den Rhein und durchstreife u.a. die “Lieblichkeit“ des Taunus. 1841 kehrte er nach Rußland zurück. Dort erfüllte sich sein Wunsch, einen Lehrstuhl für Philosophie zu erhalten nicht, da Nikolaus I. die Lehrstühle für Philosophie wegen “die Staatsordnung gefährdend“ aufgehoben hatte. Er war kurzeitig als Beamter tätig, entschied sich dann aber, Dichter zu werden. Er trat in den Kreis Wissarion Belinskijs und schloß Freundschaft mit dem “ungestümen Wissarion“. 1847 begleitete er den lungenkranken Freund nach Deutschland (dort, im schlesischen Salzbrunn, verfaßte Belinskij jenen Brief an Nikolaj Gogol, in dem er jenem Verrat an der Sache vorwarf und Duckmäuserei gegenüber den Herrschenden). Ab 1850 konnte sich Turgenjew - jetzt aufgrund einer Erbschaft finanziell unabhängig - ganz seiner schriftstellerischen Arbeit widmen. 1852 erschien Turgenjews Werk Записки охотника (1852, dt. Aufzeichnungen eines Jägers), eine Sammlung von Erzählungen in Ich-Form, das zu einer Anklage gegen die Leibeigenschaft wurde, da er darin drastisch die Zustände in den Herrenhäusern Rußlands schilderte; prompt wurde dieses Werk seitens der Eigentümer der “Seelen“ als “politische Brandstiftung“ denunziert und der Autor durch die zaristische Regierung 1852 auf sein Gut Spasskoje verbannt. Zwar durfte er 1853 nach Sankt Petersburg zurückkehren, blieb aber unter Beobachtung der zaristischen Polizei bis 1855, dem Todesjahr Nikolaus‘ I.. Wie viele Kritiker des Herrschaftsystem in Rußland auch, erwartete Turgenjew nun von dessen Nachfolger Alexander I. Verbesserungen durch eine Revolution “von oben“ und entfernte sich, wie sie auch, von den radikalen, revolutionären Demokraten Tschernyschewskij, Dobroljubow und Nekrassow. 1860 kam es dann zum endgültigen Bruch mit diesen Kräften, die die Bauern aufriefen, ”zum Beil zu greifen“. Da aber hatte er Rußland bereits verlassen1; 1855 hatte er im Ausland seinen Dauerwohnsitz genommen; er hielt sich v.a. wegen seiner Liebe zu der bekannten Opernsängerin Pauline Viardot in Frankreich auf und in Baden-Baden). Er freundete sich mit führenden französischen und deutschen Dichtern an, u.a. mit Gustave Flaubert, Émile Zolá, Prosper Mérimée, Theodor Storm und Gustav Freytag. Er beteiligte sich jedoch weiterhin an der ideologischen Kontroverse in Rußland zwischen den Gruppen innerhalb der russischen Intelligenzija, die sich in Befürworter einer Verwestlichung des Landes nach europäischem Vorbild durch die s.g. Westler und in eine Gruppe von Orthodoxen,den Slawophilen, spaltete, wobei er Partei für die ”Westler” ergriff, was eine scharfe Kontroverse mit Fjodor Dostojewskij zur Folge hatte. Sein Roman Отцы и дети (1862, dt. Väter und Söhne) erregte die Jungend ebenso wie die Reaktion durch die Verwendung des Begriffs “Nihilismus” für das Verhalten der Jugend. Das Attribut eines Nihilisten hatte er dem Helden seines Romans Jewgeni Basarow beigegeben.

Werke u.a.: Ein Monat auf dem Lande (1855), Am Vorabend, Erste Liebe (beide 1860).

       

Turgenjew_ et alii 1856

Obere Reihe (von links): Leo Tolstoi, Dmitri Grigorowitsch; untere Reihe (von links): Iwan Gonscharow, Iwan Turgenjew, Alexander Drudjinin, Alexander Ostrowskij.

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1 Ich konnte einfach nicht mehr mit all dem, was ich haßte, dieselbe Luft atmen und Seite an Seite leben. Dafür fehlte mir wahrscheinlich die erforderliche Ausdauer und Charakterstärke. Ich fühlte die unbedingte Notwendigkeit, mich von meinem Feinde abzusetzen, um ihn von meinem Exil aus noch schärfer angreifen zu können. In meinen Augen hatte dieser Feind eine fest umrissene Gestalt, trug einen allen bekannten Namen: Dieser Feind war die Leibeigenschaft...

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Bild: Martina Schulz

Sankt Petersburg, Wolkowo-Friedhof

Johann Gottfried von Herder

1776              1787             ca. 1800

Deutscher Schriftsteller, Philosoph und Theologe; der Sohn eines Kantors und Volksschullehrers war zunächst (1761) Kopist in der Bibliothek beim Diakonus J.S. Trescho, bevor er 1762 ein Studium der Medizin begann, dann jedoch Theologie und Philosophie in Königsberg studierte, wo er wesentlich u.a. durch Kant und Hamann angeregt wurde; 1764 wurde er Lehrer an der Domschule in Riga, und ab 1767 Prediger. 1769 fuhr er mit dem Schiff nach Frankreich (Nantes, Paris), traf dort mit Diderot zusammen, von dort reiste er weiter nach Holland und nach Hamburg, wo er mit Lessing und Matthias Claudius Caroline Flachslandzusammentraf. Bei Johann Heinrich Merck (*1741, †1791) in Darmstadt lernte er 1770 seine spätere Frau Caroline, née Flachsland, kennen, die er 1773 heiratete. In Straßburg, wo er versuchte, ein Augenleiden zu lindern, kam es im September 1770 zu einem Treffen mit Goethe, das für beide von nachhaltiger Wirkung war und der ihn 1776 als Generalsuperintentent nach Weimar vermittelte. In dieser Tätigkeit war er u.a. zuständig für das Schulwesen im Herzogtum, ab 1815 Großherzogtum, Sachsen-Weimar-Eisenach, das er maßgeblich renovierte. 1788 unternahm er mit Anna Amalia, zu deren Freundeskreis er gehörte, eine Italienreise. Die von Herder ausgehenden Denkanstöße sind sowohl für die deutsche als auch die europäische Geistesgeschichte bis heute von weitreichender Bedeutung und Wirkung, besonders in Bezug auf die Sprachphilosophie, die Geschichtsphilosophie, die Literatur- und Kulturgeschichte und die Anthropologie. 1773 gab er die Schrift Von deutscher Art und Kunst heraus, die für die Bewegung des Sturm und Drang (so der 1776 erschienene Titel eines Dramas vom Friedrich Maximilian Klinger) programmatische Bedeutung hatte.

Werke u.a.: Über die neuere Deutsche Litteratur (1767, 3 Bde.), Kritische Wälder (1769, 3 Bde.), Über den Ursprung der Sprache (1772), Von deutscher Art und Kunst (1773), Philosophie der Geschichte der Menschheit (4 Tle., 1784-91), Gott. Einige Gespräche (1787).

                 Edward  (1.& 2. Strophe)

        Dein Schwert, wie ist’s von Blut so rot?
          Edward, Edward!
        Dein Schwert, wie ist’s von Blut so rot,
          Und gehst so schaurig her? - O!
        O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
          Mutter, Mutter!
        O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
          Und keinen hab ich wie er - O!

        Dein’s Geier Blut ist nicht so rot,
          Edwar, Edward!
        Dein’s Geier Blut ist nicht so rot,
          Mein Sohn, bekenn mich frei - O!
        O ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
          Mutter, Mutter!       
        O ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
          Und’s war so stolz und treu - O!

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Hans Carl Artmann

 

Österreichischer Schriftsteller; wurde als Mitglied der Wiener Gruppe mit Wiener Dialektgedichten med ana schwoazzn dintn (1958) bekannt; verfaßte zahlreiche Werke in der Tradition barocker österreichischer Sprachartistik (Lyriksammlung, Dramensammlung); übersetzte u.a. Werke von F. Villon.

Werke u.a.: Ein lilienweißer Brief aus Lincolnshire (1969), Die Fahrt zur Insel Nantucket (1969), gedichte von der wollust des dichtens in worte gefaßt, (1989).

Auszeichnungen u.a.: Georg-Büchner-Preis (1997).

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Alexander Roda Roda eigentl. Sándor Friedrich Rosenfeld

 

Österreichischer Satiriker, Humorist und Dramatiker; studierte in Wien Jura und war bis 1907 Offizier im k.u.k. Heer, verlor die Offizierscharge wegen Geschichten, in denen er besonders das Militär aufs Korn nahm; ging 1904 nach Berlin, wo er als Kabarettist große Erfolge feierte. 1912 veröffentlichte er gemeinsam mit Gustav Meyrink die Komödie Der Sanitätsrat. Von 1914 bis 1918 war er Kriegsberichterstatter; nach dem Ende des Ersten Weltkrieges lebte er in Paris, München und Berlin, im März 1938 emigrierte er zunächst in die Schweiz, dann 1940 weiter in die USA. Er verfaßte Anekdoten, Humoresken, Schwänken, satirische Romane und Komödien. Satiriker der Endphase der Donaumonarchie. Roda Roda hatte 1900/01 eine Affaire mit Adele Sandrock.

Werke u.a.: Der Feldherrnhügel (1910).

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Bilder: Günter Strack

Weimar, Stadtkirche (Herderkirche)

Alfred Kerr eigentl. Alfred Kempner (bis 1911)

1907 pinxit Lovis Corinth (Ausschnitt)

Deutscher Schriftsteller und Theaterkritiker; Sohn des Weinhändlers und Fabrikbesitzers Emanuel Kempner; studierte Philosophie und Germanistik zunächst in seiner Heimatstadt und setzte es 1887 in Berlin fort. Ab 1891, noch während des Studiums, das er 1894 mit der Promotion zum Dr. phil. in Halle abschloß, verfaßte er Theaterkritiken, die in verschiedenen Zeitungen erschienen, u.a. in der Vossische Zeitung, der Neue Rundschau und der Breslauer Zeitung. Ab 1900 arbeitete Kerr als Theaterkritiker für die Berliner Zeitung Der Tag. Zwischen 1912 und 1915 war er Mitarbeiter und dann Herausgeber der avantgardistischen Kunstzeitschrift Pan, arbeitete ab 1919 als Theaterkritiker für das Berliner Tageblatt und ab 1928 auch für den Rundfunk. 1933 emigrierte Kerr über Prag, Lugano und Paris nach London, wo er an mehreren Exilzeitungen mitarbeitete und ab 1945 wieder in der Bundesrepublik Deutschland an mehreren Zeitschriften. Er protegierte u.a. Henrik Ibsen und den damals noch jungen Gerhart Hauptmann; skeptisch gegenüber stand er Bert Brecht.

Kerr erlitt auf einer Vortragsreise durch Deutschland im Jahre 1948 nach dem Besuch einer Theatervorstellung in Hamburg einen Schlaganfall. Als er sich der Schwere der Schädigung der Gesundheit bewußt wurde, nahm er sich mittels Veronals das Leben.

Aus seiner Ehe mit der in Wiesbaden geborenen Julia Weismann gingen zwei Kinder hervor, u.a. die Tochter Judith (*1923), die u.a. den Roman When Hitler Stole Pink Rabbit (1971, dt. Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ) verfaßte

Werke u.a.: Die Harfe (1917), Ich kam nach England (posthum 1978).

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Bild: W. Burghart

Wien, Feuerhalle Simmering, Urnenhain

Bild: KN (2001)
Bild: Hartmut Riehm (12/2007)

Hamburg, Friedhof Ohlsdorf

Novalis eigentl. Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg

        

Deutscher Dichter; bedeutendster der Jenaer Frühromantiker, entstammte einem pietistischen Elternhaus: sein Vater, Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg, war Gutsbesitzer und Salinendirektor; studierte von 1790 bis 1794 Jura, Mathematik und Philosophie in Jena, Leipzig und Wittenberg, besuchte 1997 Bergakademie in Freiberg, wurde 1799 Salinenassessor und wenig später Amtshauptmann. Mit Friedrich von Schiller, Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel und dessen Bruder und August Wilhelm von Schlegel, Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling und LudwigTieck verband ihn eine enge freundschaftliche Beziehung. Entscheidend beeinflußt wurde Novalis durch den deutschen Idealismus Johann Kaspar Lavaters und Johann Gottfried Herders. Der frühe Tod von Sophie von Kühn mit der er sich, als sie kaum 13 Jahre alt war, ohne Wissen seiner Eltern verlobt hatte, machte ihn so sehr betroffen und verzweifelt, daß er ihr ”nachsterben“ wollte und verstärkte seine mystischen Sophie von Kühn Neigungen Sophie von Kühnund spielte seitdem eine zentrale Rolle in seinem Schaffen. 1798 verlobte er sich mit Julie von Charpentier (*1776, †1811); sie aber heiratete 1804 einen ungarischen Adligen. Ab August 1800 war er lungenkrank, was seine Schaffenskraft stark beeinträchtigte.

Novalis bevorzugte typisch romantische Gattungen. Der für die Romantik prägende Begriff der “Blauen Blume” entstammt dem unvollendeten, bedeutendsten seiner Romane Heinrich von Ofterdingen (1802); in ihm erblickt der träumende Held eine blaue Blume, die er “mit unnennbarer Zärtlichkeit“ betrachtet. Novalis’ Poetik wirkte u.a. bei den französischen Symbolisten nach.

Werke u.a.: Journal (1797), Die Christenheit oder Europa (1799 entstanden, 1826 vollständig herausgegeben), Hymnen an die Nacht (1800), Heinrich von Ofterdingen (erschienen 1802).

     Was wär ich ohne Dich gewesen?
     Was würd’ ich ohne Dich nicht seyn?
     Zu Furcht und Aengsten auserlesen,
     Ständ’ ich in weiter Welt allein.
     Nichts wüßt’ ich sicher, was ich liebte,
     Die Zukunft wär’ ein dunkler Schlund;
     Und wenn mein Herz sich tief betrübte,
     Wem tät’ ich meine Sorge kund?
[Novalis: Geistliche Liebe, Auszug]

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Weißenfels, Alter Friedhof (Stadtpark)

Wien, Feuerhalle Simmering, Urnenhain

06/2006)

Richard Billinger

 

 

Österreichischer Schriftsteller, Lyriker, Erzähler und Dramatiker; drittes und jüngstes Kind von Kaufleuten;

Seine Werke sind von barocker Sprachkraft aus der Volkstradition.

Werke u.a.: Das Perchtenspiel (1928), Rosse (1931); Der Gigant (1937; verfilmt Goldene Stadt), Bauernpassion (1960).

Auszeichnungen u.a.: Kleist-Preis zusammen mit Else Lasker-Schüler (1932).

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Bilder: Heinz Knisch (03/2022)

Hartkirchen (Bezirk Eferding im Hausruckviertel, Oberösterreich), Friedhof

Schriftsteller XXV

Omnibus salutem!